Bildwelten

Dalip bewegt sich mit seiner Kunst in einem Spannungsfeld, welches sich aus seiner Herkunft einerseits und seinem derzeitigen sozio-kulturellem Umfeld, das im westlichen Kunstbetrieb angesiedelt ist, andererseits ergibt. Geboren im Kosovo, in einer Großfamilie in einem kleinen Dorf, greift er auf Wurzeln zurück, die sich nicht nur aufgrund der nationalen Gegebenheiten von westlichen Mustern unterscheiden. Der Stellenwert von Kunst, ja der Zugang zu Kunst überhaupt, musste von ihm auf ausschließlich persönliche Weise erarbeitet werden.

Seine Reisen, die ihn als junger Mann quer durch Europa führten, machten ihn sukzessive mit jenen Werten vertraut, mit welchen Mitteleuropäer nördlich des Balkan von Kindesbeinen an aufwachsen. Historische Architektur, Museen, in welchen das Kulturerbe bewahrt und zur Schau gestellt wird, Akademien, die in der Kunstrezeption wie selbstverständlich bereits mit den Traditionen des 20. Jahrhunderts beginnen, Kunstmärkte, die für Laien als undurchschaubare Gebilde eines Konglomerates aus privaten Geldgebern und öffentlichen Subventionen agieren – all das galt es aus der Position eines Kunstbegierigen zu erkunden, zu absorbieren, zu verarbeiten, um schließlich damit selbst arbeiten zu können. So vollzog sich in raschen Schritten ein Lernprozess, welcher Dalip nicht nur seine eigene, künstlerische Handschrift ausbilden ließ, sondern welcher ihn vor allem weit von seinem Ursprung entfernte, der anfänglich einen maßgeblichen Impuls für sein künstlerisches  Schaffen bildete.

Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass seine Bezugspunkte keine postmodernen sind, wenngleich es auch Parallelen zu Werken bekannter, europäischer Künstler gibt. Von Jawlenskys erratischen Köpfen, über Horst  Antes Profilfüßler, von Henri Michaux`s schriftbildhaftem Pinselgestus über den Ursprung der Collage zu Beginn des 20. Jahrhunderts lassen sich Bezugsmomente konstruieren, von denen nicht sicher ist, wie sie in den bewussten oder unbewussten Schaffensprozess  Dalips eindrangen und sich verankerten. Psychologisch ließe sich einiges dadurch erklären, dass der Künstler  durch sein Interesse auf dem Gebiet der Kunst von Anbeginn an in ein Wissensfeld eindrang, in welchem er sich quasi vierdimensional koordinatorisch bewegt und welches sich sowohl aus den historischen Bedingungen als auch aus der aktuellen Zeitparallele immer wieder neu definiert und neu speist. Naturgegeben ist die eigene Position nicht immer im Koordinationsdickicht ad hoc zu orten. Erst die zeitliche und manches mal auch räumliche Distanz verhelfen zu einer genaueren Bestimmung mit eventueller, anschließender Kurskorrektur.

Und dennoch weist Dalips Werk trotz aller Modifikationen und Zurechtrückungen, denen es im Laufe der Zeit ausgesetzt war, auch einige Konstante auf, die nach wie vor ein breites Arbeitsfeld ermöglichen. Aus seiner persönlichen Geschichte entwickelte er zwei Themen, die das Feld seiner Kunsttätigkeit zumindest grob umreißen.
Das „Kopfmotiv“ zieht sich ebenso wie ein roter Faden durch seine Arbeit wie jenes der Tagebuchaufzeichnungen. Versucht er mit dem ersteren zu einer persönlichen Interpretation eines Jahrtausende alten Themas der Kunstgeschichte zu gelangen, sich von Vorbildern zu lösen und einen eigenen Zugang zu finden, welcher es ihm erlaubt, allgemeingültiges über den Menschen an sich zu formulieren, so verfolgt er mit der Überarbeitung seiner Tagebuchskizzen einen entgegengesetzten Weg. Damit hält er im ersten Schaffensprozess in seiner ihm eigenen, künstlerischen Sprache das fest, was er gesehen, gehört und erlebt hat. Die ursprüngliche Information, der ursprüngliche, spontane Impuls, welchem er im ersten Schritt über die kleine Zeichnung Ausdruck verleiht, wird in einem zweiten Prozess neu geordnet, auf der Leinwand in ein neues Bezugssystem gebracht um schlussendlich durch einen neuen Gestus überarbeitet zu werden. Dadurch erhält das jeweilige Kunstwerk mehrere Dimensionen, nicht nur formaler sondern auch inhaltlicher Natur. So können einerseits Geschichten auf ganz herkömmliche Art und Weise linear erzählt und nachvollzogen werden. Andererseits, können die Vorlagen nach rein ästhetischen Gesichtspunkten zu einem neuen Ganzen  appliziert werden, ohne Anspruch auf logische Nachvollziehbarkeit der Geschichten, sondern rein ästhetischen Überlegungen folgend. dalip_kryeziu_22

Diese beiden Betätigungsfelder verlangen vom Künstler unterschiedliche Betrachtungs- und Herangehensweisen, die sich nur im Schnittpunkt der jeweiligen Überlegung ihrer graphischen oder malerischen Umsetzung treffen. Dalips Arbeitsweise ist sowohl im malerischen Bereich als auch im graphisch bestimmten vom raschen, teilweise unbewussten Gestus geprägt. Ein bereits erarbeitetes,  sich oft wiederholendes Sujetvokabular wird dabei häufig durch einen neuen, überraschenden Impetus ergänzt. Dieser wiederum kann sowohl von formalen Überlegungen her resultieren, sich aber genauso auch aus neuen Bewegungsmustern erschaffen. Dieser ständige Wechsel von bewusster und unbewusster Produktionsmethode wird jedoch, um dies in der musiktheoretischen Sprache auszudrücken, von den beiden beschriebenen Grundthemen, wie einem Generalbass unterfüttert.

Dalips Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Erweiterungen des eigenen Repertoires brachten ihn unweigerlich zur Beschäftigung mit dem Computer, den er verstärkt in seinen Arbeitsprozess einsetzen wird. Die Konstruktion und Dekonstruktion von Bildern mit gleichzeitiger Speicherung und Datenvernichtung gibt Auskunft darüber, dass sich das Spannungsfeld der Kunst Dalips nicht nur technisch erweitert hat, sondern auch in Kunstbereiche ein- und vordringt, die sich im weiten Feld der modernen Medientheorie bewegen. Die theoretische Auseinandersetzung mit der Funktion von Kunst, die Infragestellung der Berechtigung einer künstlerischen Handschrift und die unumgänglich neue Einnordung des eigenen Kunstschaffens wirft zwangsläufig eine Reihe von Fragen auf. Dalips Werk wird sich aufgrund der aktuell stattfindenden Auseinandersetzung mit diesen Themenkomplexen wahrscheinlich erweitern oder/und verändern. Die Qualität wird erst nach Vorliegen der ersten, künstlerischen Ergebnisse bewertbar sein. Dass er damit jedoch abermals einen großen Entwicklungsschritt vollzieht, ist bereits jetzt evident.

Dr. Michaela Preiner

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